Dieses Foto von der Schnecke ist auf einer meiner Morgenrunden mit unserem Hund entstanden. Auf diesem Bild kannst du es vielleicht nicht gut erkennen, aber von „oben“ betrachtet konnte ich die Schnecke kaum vom Untergrund unterscheiden. Zumal ich beim Gehen in der Regel durchaus immer wieder auf den Boden schaue, aber so genau dann manchmal doch nicht. Und an dem besagten Morgen war ich so dankbar, dass ich die Schnecke wahrgenommen hatte.
Vom Sehen
Genau dieses „Sehen“ oder „Schauen“ hatte an jenem Morgen den Unterschied gemacht. Ich sah diese Schnecke anders, als ich sonst geschaut hatte. Ich sah sie.
Ich sah nicht nur die Schnecke; ich „sah“ die Würde der Schnecke. Vielleicht ist es das, was immer wieder gemeint ist, wenn wir davon sprechen „mit dem Herzen zu sehen“. Für mich hatte sich in diesem Moment ein ganzes Universum geöffnet. So langsam die Schnecke auf ihre Weise unseren Weg gekreuzt hatte, so würdevoll schien sie mir in diesem Moment. Etwas in mir war zutiefst berührt.
In diesem Berührtsein ging ich erst weiter, habe mich dann doch entschieden, wieder zurückzugehen. Ich wollte diesen Moment gerne festhalten und dieser Schnecke einen Platz geben.
Nach-gedacht
Wie oft werden wir nicht gesehen, weil jeder vielleicht in seinem Leben, in seinem Alltag, in seinen Routinen so stark eingebunden ist, den Kopf nicht frei hat. Wie oft sehen wir andere nicht, weil wir diejenigen sind, die gerade mit sich selbst beschäftigt sind. Wie oft erscheinen Menschen oder wir (?) wie ein Chamäleon mit unserer Umgebung zu verschmelzen?
Um dann vielleicht – wie aus dem Nichts – durch ein Lächeln eines Anderen aus unseren Gedanken herausgeholt werden. Oder wir sind diejenigen, die mit unserem Lächeln jemand anderes aus dessen Gedanken herausholen. Für einen kleinen Moment. Und vielleicht gelingt sogar ein „Zurücklächeln“. Für mich sind das immer heilige Momente.
Vielleicht können wir uns alle immer wieder an das Lächeln erinnern, das in jedem von uns wohnt.

Foto: Annedore Liebs-Schuchardt
„Ich sah nicht nur die Schnecke – ich sah die Würde der Schnecke.“